... wir lesen in kleinen Textabschnitten das Abschlussdokument ...

heraus gerufen. Schritte in die Zukunft wagen

Für das Ziel, die Synode im Bistum - auf welcher Ebene auch immer - umzusetzen, ist eine Vertrautheit mit dem Text des Abschlussdokuments von nicht geringer Bedeutung.
Um diesen Text besser so etwas wie "kauen" und "schmecken" zu können, wollen wir hier versuchen, in Abständen Textabschnitte in kleinen "Portionen" zu "servieren".
Mögen Sie Euch verdaulich sein und - hoffentlich auch schmackhafte - Nahrung, die Kraft und Ausdauer für die Schritte in die Zukunft gibt!

Textabschnitt 1


1. „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit" (Mt6,33)

Atme in uns, Heiliger Geist, brenne in uns, Heiliger Geist, wirke in uns, Heiliger Geist“ 

Die Zeilen dieses Liedes haben die Synodalen bei jeder Vollversammlung gesungen. Es sind Zeilen eines leidenschaftlichen Gebetes um den Geist Gottes. Dem Geist Gottes haben sich die Synodalen auch im Synodengebet anvertraut. Es steht für die Überzeugung der Synode, dass nur da, wo Menschen Gottes Geist atmen, der Lebensfunke der Kirche entfacht werden kann. So öffnet sich die Kirche von Trier über ihre Grenzen hinaus auf andere hin. Deshalb hat die Synode in ihren Beratungen nicht nur danach gefragt, wie wir in Zukunft Kirche sein wollen. Sie hat auch gefragt: Wozu sind wir Kirche im Bistum Trier? Wohin will Gott seine Kirche im Bistum Trier heute führen?

Textabschnitt 2


Die Synode ist überzeugt: Gott hat einen Plan für die Welt, für alle Menschen unserer Zeit und auch für die Kirche von Trier. Gott hat den Menschen als sein Ebenbild, als Mann und Frau, geschaffen. Er hat jedem Menschen eine unantastbare Würde verliehen. Gott will das Heil der Menschen. Er will Lebensfülle für alle. Denn er, der wie Vater und Mutter aller ist, hat sich anrühren lassen vom Schrei seines versklavten Volkes und ist herabgestiegen, um sein Volk zu befreien (EX 3). Gott hat Jesus in die Welt gesandt, damit er Gottes Reich verkündet und es durch seinen Weg, durch Kreuz und Auferstehung, zum Durchbruch bringt. Er hat Jesus in die Welt gesandt, damit Menschen Gottes Heil erfahren, vor allem die Menschen, die es am nötigsten brauchen: die in bedrängenden, gewaltsamen, verarmten, unmenschlichen und wie auch immer leidvollen Situationen leben (VGL. LK 4).

Textabschnitt 3


Gottes Ja zu allem, was dem Leben dient, und Gottes Nein zu allem, was das Leben zerstört, drängt die Kirche und drängt jeden einzelnen Menschen in der Kirche zu diesem Bekenntnis. Die Kirche hat Anteil an der Sendung Jesu. Jesu Mission ist ihre Mission, ist Auftrag der Kirche. Die Synode bekennt sich zu diesem Auftrag und ruft die Kirche im Bistum Trier heraus, sich in all ihrem Tun und Wirken von der Verheißung des Reiches Gottes leiten zu lassen (VGL. MT 6,33). Das Reich Gottes ist in Jesus Christus angebrochen. Es hält die Hoffnung auf eine neue Welt offen. Diese Hoffnung lässt auch die Kirche im Bistum Trier aus sich herausgehen, ruft sie zu einem Suchprozess heraus und ermutigt sie zur Neuorientierung. Wenn jeder einzelne Mensch diese Hoffnung im Herzen spürt und sich neu der Verheißung des Reiches Gottes anvertraut, kann Neuorientierung geschehen.

Textabschnitt 4


Eine Kirche, die sich so versteht, die Jesus und seiner Botschaft vom Reich Gottes folgt, stellt den Menschen, sein Dasein und seine Fragen in den Mittelpunkt: seine Freude und Hoffnung, seine Trauer und Angst. Eine Kirche, die Jesus Christus folgt, weiß sich an die Ränder und Grenzen gesandt, ist empfindsam und solidarisch, wo Menschen in Gefahr sind, ihre Würde zu verlieren oder ihrer Würde beraubt zu werden. Die Kirche Jesu gibt Zeugnis von der Hoffnung, die sie erfüllt (VGL. 1 PETR 3,15). Sie begibt sich dabei in das ihr selbst Fremde. Sie sucht Begegnung mit Anderem und mit Anderen und lässt sich davon irritieren, betreffen, inspirieren: sie lässt sich evangelisieren.
Eine Kirche, die Jesus und dem Evangelium vom anbrechenden Reich Gottes folgt, setzt auf die Würde und Verantwortung aller Getauften. Sie gibt Charismen Raum, die dem Aufbau des Reiches Gottes dienen, und sie lässt Platz für andere und für einen kreativen Dialog mit ihnen. Sie sucht zu unterscheiden, was „eine Frucht des Gottesreiches sein kann und was dem Plan Gottes schadet“, um so die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Textabschnitt 5


Hinter all diesen Ansprüchen ist unsere Kirche und sind wir oft zurückgeblieben. Wir haben uns schuldig gemacht an Menschen und vor Gott. Deshalb bekennt die Synode: Kirche ist nicht für sich selber da. Es geht nicht um sie selbst, um ihren Einfluss, ihre Deutungshoheit, ihre Legitimierung in der Welt von heute. In der Kirche geht es um Gott und um sein Reich, und deshalb um die Menschen – um jeden einzelnen Menschen genauso wie um die Einheit der ganzen Menschheitsfamilie.
Auf dem Boden dieser spirituellen Vergewisserung ermutigt die Synode die Christinnen und Christen im Bistum Trier und auch das Bistum als Organisation, den Aufbruch zu wagen. Sie ermutigt zu einem Prozess diakonischer Kirchenentwicklung – sie ermutigt, sich grundlegend neu auszurichten und in allen kirchlichen Vollzügen missionarisch-diakonisch in die Welt hinein zu wirken.

Textabschnitt 6


2. Perspektivwechsel


Die Synode ist von der Notwendigkeit eines Perspektivwechsels überzeugt und betrachtet ihn als wesentlich für die Zukunft der Ortskirche von Trier. Sie nimmt damit tiefer, anders und radikal wahr, dass sich das gesellschaftliche und mit ihm auch das christliche Leben in einem rasanten Wandel befinden.
 
Im Neuen liegt eine Radikalität, die nicht dem Alten, bisher Bekannten verhaftet bleibt, sondern sich mit Mut und Weite neuen Perspektiven stellt. Damit wird das Bisherige nicht entwertet. Vielmehr wird deutlich, dass vieles nicht mehr der heutigen kirchlichen und gesellschaftlichen Situation entspricht und nicht mehr dazu beiträgt, Menschen für den Glauben zu begeistern und mit Freude Kirche Jesu Christi zu sein. 

Es gilt Abschied zu nehmen. Abschiednehmen heißt einsehen, dass etwas ans Ende gekommen ist, und einen Schlusspunkt setzen. Bewusstes und verantwortliches Abschiednehmen lässt dem Zurückgelassenen die Bedeutung, die ihm zusteht. Ein guter Abschied macht einen Neuanfang möglich. 

Aus dieser Wahrnehmung heraus hat die Synode vier Perspektivwechsel für die zukünftige Entwicklung der Kirche von Trier beschlossen:
   1. Vom Einzelnen her denken
   2. Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen
   3. Weite pastorale Räume einrichten und netzwerkartige Kooperationsformen verankern
   4. Das synodale Prinzip bistumsweit leben

Textabschnitt 7


2.1
Perspektivwechsel Vom Einzelnen her denken

Lass mich Dich lernen, Dein Denken und Sprechen, Dein Fragen und Dasein,
damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich Dir zu überliefern habe.

(Bischof Klaus Hemmerle)

2.1.1 Bedeutung

Eine Kirche, die vom Einzelnen her denkt, sucht den einzelnen Menschen in seiner Lebenswirklichkeit auf und möchte ihn darin verstehen lernen. Vom Einzelnen her denken meint eine fragende, sich interessierende, sich solidarisierende und eine zugewandte Kirche. Sie vertraut auf die Gegenwart Gottes im Leben jedes Menschen und richtet ihr Handeln an Jesus Christus aus.
So lernt die Kirche von Trier, sich an den Grundfragen der Menschen zu orientieren und sie im Lichte des Evangeliums gemeinsam mit ihnen zu deuten. Das ermöglicht ihr, mit den Menschen neu zu entdecken, wie sie die christliche Botschaft in ihrem Leben wiederfinden.  
Dabei blickt die Synode zum einen auf die Vorteile der Individualisierung in der Gesellschaft, zum Beispiel auf die Zunahme individueller Freiheit, das Mehr an Wahlmöglichkeiten, die Pluralität der Lebensentwürfe. Zugleich stellt sich die Synode der Frage, wie mit der negativen Seite der Individualisierung umzugehen ist, etwa mit dem Verlust menschlicher Würde, mit Vereinzelung und Vereinsamung, mit der Konkurrenz um Lebens-Chancen, mit dem Wegfall schützender Gemeinschaft und dem Rückgang bzw. Verlust christlicher Gemeinschaft.  
Wenn die Kirche von Trier vom Einzelnen her denken will, wird sie besonders die Begegnung mit den verwundeten, an den Rand gedrängten, armen und benachteiligten Menschen suchen. Was braucht es, damit sie Lebensfülle erfahren? Wie können Vergemeinschaftungsformen aussehen, die Solidarität stiften? Wie kann die Kirche solidarisch Anwaltschaft für sie übernehmen?
 
Mit dem Perspektivwechsel Vom Einzelnen her denken meint die Synode ausdrücklich nicht, dass alles willkürlich und das Evangelium beliebig wird. Sie rät aber genauso ausdrücklich, dass Kirche sich zum Einzelnen und zur Einzelnen hinwendet, ohne ihn oder sie bevormunden oder uniformieren zu wollen. „Es geht nicht um den abstrakten Menschen, sondern um den realen, den konkreten und geschichtlichen Menschen. Jeder einzelne Mensch ist gemeint; denn jeder ist vom Geheimnis der Erlösung betroffen, mit jedem ist Christus für immer durch dieses Geheimnis verbunden.“

Textabschnitt 8


2.1.2 Spannung

In einem solchen Perspektivwechsel liegen auch Spannungen. So bedeutet Vom Einzelnen her denken, sich der Spannung zwischen dem einzelnem Menschen und der kirchlichen Gemeinschaft bzw. der Gesellschaft bewusst zu sein. Das Individuum steht der Gemeinschaft gegenüber, und beide sind miteinander verbunden wie die beiden Brennpunkte einer Ellipse. Der einzelne Mensch ist auf andere, auf Gemeinschaft angewiesen: Gemeinschaft kann nicht ohne den Einzelnen, die Einzelne entstehen.

Es stellt sich auch die Frage, wie angesichts eines solchen Perspektivwechsels die Menschen als Volk Gottes gesammelt und als Kirche in die Welt gesendet werden. Es muss gefragt werden, wie sich christliche Gemeinschaft bilden kann, wenn vom jeweils einzelnen Menschen her, von seiner individuellen Situation und von seinen Bedürfnissen her gedacht wird. Kirche und ihre Mitglieder werden mit den pluralen Lebenseinstellungen der Einzelnen konfrontiert sein.

Schließlich ist die Frage zu beantworten, wie sich angesichts der pluralen Lebensentwürfe von der Verbindlichkeit der christlichen Lehre und ihrem Wahrheitsanspruch sprechen lässt. Hier löst Vom Einzelnen her denken auch Befürchtungen aus, dass damit die christliche Botschaft in unzulässiger Weise verkürzt oder relativiert werden müsse. Deshalb ist „vom Einzelnen her denken“ immer zu ergänzen mit „vom Anderen her denken“. Es ist und bleibt eine Spannung zwischen der Gemeinschaft der Kirche und dem einzelnen Menschen, die sich auch im Evangelium wiederfindet (z. B. Thomas der Zweifler, Joh 20,19-31).

Textabschnitt 9


2.1.3 Abschied

Eine Kirche, die vom Einzelnen her denkt, muss sich verabschieden von der Vorstellung,

• dass sie Lebensentwürfe als katholisch bzw. christlich definieren und standardisieren könnte;
 
• dass sie beurteilen könnte, ob ein Leben gelungen oder gescheitert ist; 

• dass Wahrheiten des Glaubens und gute kirchliche Traditionen von allen Getauften als verbindlich akzeptiert und gelebt würden;
 
• dass sich Katechese und das Hineinwachsen in den Glauben ausschließlich an bestimmte Anlässe, etwa die Sakramentenspendung, binden ließe;

• dass die strukturelle Trennung von territorialer und kategorialer Seelsorge, von Pastoral und Caritas noch der Lebenssituation der Menschen entsprechen würde.

2.1.4 Konsequenz

Im Bistum Trier wird die pastorale und verwaltungsmäßige Praxis vom Einzelnen her orientiert. Es wird eine Kirche sichtbar, die sich den Menschen zuwendet, die den Lebenseinstellungen der Einzelnen Respekt und Achtung entgegenbringt. 

Es gilt, dafür Kriterien zu formulieren und die bisherigen kirchlichen Aufgaben einer selbstkritischen Prüfung zu unterziehen. Die Synode ist überzeugt, dass kirchliches Handeln dabei nicht beliebig wird und dass die Botschaft des Evangeliums nicht einfach an den Zeitgeist anzupassen ist. Denn Vom Einzelnen her denken heißt, dem einzelnen Menschen die Frohe Botschaft so anzubieten und sie so zu erschließen, dass er den Punkt seiner eigenen Umkehr erkennen und sich neu dem Nächsten lebensfördernd zuwenden kann (vgl. Jesus im Hause des Zöllners Zachäus, Lk 19,1-10).

Textabschnitt 10


2.2 Perspektivwechsel Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen

Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, 
damit sie anderen nützt.
Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen,
Juden und Griechen, Sklaven und Freie;
und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.
Gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich.
(1 Kor 12,7.13.22)

2.2.1 Bedeutung

Mit Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen meint die Synode, dass die Gaben, mit denen Gottes Geist die Getauften ausstattet, im Leben der Kirche von Trier zur Geltung kommen sollen. Es geht also um die Einzelnen, die sich mit dem in die Gestaltung der Kirche einbringen wollen, was er Geist ihnen jeweils schenkt. Kriterien für die Charismen sind, ob und wie sie zum Aufbau christlicher Gemeinschaft in der Gesellschaft beitragen, wie sie tätige Nächstenliebe verwirklichen helfen, wie durch sie Gottesdienste inspiriert werden und wie mit ihnen das Evangelium weitergesagt werden kann.

Dabei bleibt der Zusammenhang von Aufgaben und Charismen im Blick. Fast alle Aufgaben in Kirche und Gemeinde verweisen auf Befähigungen und Kenntnisse, die in einem engen Zusammenhang mit entsprechenden Charismen stehen, und fordern diese heraus. Ausdrücklich befreit der Perspektivwechsel Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen nicht von einer sinnvollen Aufgabenorientierung.

Die Kirche will bestimmte Aufgaben erfüllen, weil sie zu ihrem Auftrag gehören und weil sie dabei auf Gottes Geistesgaben vertrauen kann. Die Synode beobachtet aber auch, dass die gewohnten Strukturen des kirchlichen Lebens manches Charisma behindern und verhindern. Die Aufmerksamkeit für das Wirken des Geistes ist in den Gewohnheiten des pastoralen Alltags allzu oft abgestumpft. Die Synode ist überzeugt: die Gläubigen wollen sich aufgrund ihrer eigenen Charismen sowohl in den jeweils passenden Aufgabenfeldern einbringen als auch neue Tätigkeiten entdecken, wenn sie sich ihrer Gaben bewusst werden.

Charismen stärker in den Blick nehmen regt auch dazu an, eine Atmosphäre zu wecken, in der geistliche Berufungen wachsen können; in einer solchen Atmosphäre können Menschen eine Berufung zum geistlichen Dienst als Priester oder Diakon, zu einem pastoralen Beruf oder zu einem Leben der evangelischen Räte in einem Orden oder Säkularinstitut wahrnehmen und sich nach entsprechender Prüfung dafür entscheiden, dieser Berufung zu folgen.

Textabschnitt 11


2.2.2 Spannung

Dieser Perspektivwechsel ermutigt dazu, Aufgaben nicht länger um der Aufgaben willen zu erfüllen oder bloß deshalb, weil sie traditionellerweise bisher wahrgenommen wurden. 

Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen regt an, durch die Überprüfung von Aufgaben auch Unterbrechungen im Kreislauf des immer gleichen Tuns zuzulassen. Dieser Perspektivwechsel befähigt dazu und gibt die Freiheit, hinzuschauen auf das, was Gottes Geist durch die vielen Gläubigen mit ihren jeweiligen Charismen wirkt, aber auch einen wachen Blick dafür zu bewahren, wo ein anderer als Gottes Geist zum Tragen kommt, ein Geist, der Leben zerstört. 

Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen richtet den Blick außerdem auf das Verhältnis von Charisma und Amt. Nach Paulus dienen die Charismen dem Aufbau der christlichen Gemeinde. Bei der Entscheidung darüber, was ein Charisma ist, kann es allerdings zu Konflikten kommen. Die Prüfung und „Unterscheidung der Geister“ (1 Kor 12,10) ist eine beständige geistliche Aufgabe von Leitungsamt und Gemeinde.

Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen verweist zudem auf die Spannung, dass die mit einer hauptberuflichen Tätigkeit verbundenen Pflichten nicht zwangsläufig deckungsgleich sind mit den vorhandenen Charismen.

Textabschnitt 12


2.2.3 Abschied

Eine Kirche, die charismenorientiert denkt, muss sich verabschieden von der Vorstellung,

•  dass alle kirchlichen Aufgaben wie bisher weitergeführt werden müssten;

• dass zukünftig Pastoral ohne eine Reduzierung auf die notwendigen Aufgaben und ohne die Entwicklung entsprechender Aufgabenkriterien auskommen könnte;

• dass kirchliches Handeln nur dort geschähe, wo ein kirchlicher Amtsträger handelt bzw. anwesend ist;

•  dass Gottesdienste nur dann ordnungsgemäße und gute Gottesdienste wären, wenn ihnen ein Priester oder Diakon vorsteht.
 
2.2.4 Konsequenz

Mit Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen will die Synode deutlich machen, dass sich die Kirche vom einzelnen Getauften her mit seinen spezifischen Charismen aufbaut. Jede Christin und jeder Christ hat Charismen und ist eingeladen, diese eigenverantwortlich in die Gemeinschaft der Kirche einzubringen. Der Leitungsdienst des kirchlichen Amtes wird dadurch nicht in Frage gestellt, sondern eingebunden in ein lebendiges kirchliches Leben.

Mit diesem Perspektivwechsel möchte die Synode anstoßen, dass die Gläubigen ihr Taufbewusstsein entwickeln, ihre Charismen entdecken und sich mit ihnen in das Leben der Kirche von Trier einbringen.

Textabschnitt 13


2.3 Perspektivwechsel  Weite pastorale Räume einrichten und netzwerkartige Kooperationsformen verankern

Wie schön ist es, unsere Pfarreien, Gemeinschaften, Kapellen, die Orte, wo die Christen sind, als wahre Zentren der Begegnung zwischen Gott und und Menschen zu verstehen. (Papst Franziskus)

2.3.1 Bedeutung

Der Perspektivwechsel Weite pastorale Räume einrichten und netzwerkartige Kooperationsformen verankern beschreibt, was die beiden ersten Perspektivwechsel für die Pfarrei bedeuten. „Innerhalb eines bestimmten Territoriums richtet sich der Blick nun auf das vielfältige Leben der Gläubigen und ihrer Vergemeinschaftungsformen in diesem Territorium. Die so verstandene Pfarrei wird sich immer mehr zu einer Gemeinschaft von Gemeinschaften entwickeln und verschiedene Orte kirchlichen Lebens hervorbringen.“ Damit dies gelingt, bedarf es neuer und größerer pfarrlicher Territorien. In ihnen sollen die pastoralen Teams, die Ehrenamtlichen und die Verantwortlichen für die vorhandenen kirchlichen Einrichtungen netzwerkartig kooperieren.
 
Dieser Perspektivwechsel erfordert, einen deutlichen inhaltlichen und strukturellen Einschnitt zu setzen. Er ermutigt, in den sich verknappenden materiellen und personellen Ressourcen auch Chancen zu entdecken, das Verhältnis von Nähe und Weite neu zu bestimmen und in den Sozialräumen der Menschen aktiv Gemeinde und Kirche zu bilden. Der Perspektivwechsel regt auch an, die lokale Kirchenentwicklung neu anzugehen.

Textabschnitt 14


2.3.2 Spannung

Mit diesem Perspektivwechsel wird die Spannung von Nähe und Weite angesprochen und sichtbar gemacht. Die Pfarreien der Zukunft werden neue Formen von Vergemeinschaftung ermöglichen. In netzwerkartigen Kooperationsformen entstehen viele verschiedene und lokal angepasste Themenzentren und Möglichkeiten der Begegnung. Menschen können ihren Glauben an Jesus Christus entdecken und Beziehungen leben.

Es stellt sich auch die Frage, wie Menschen sich heute im christlichen Glauben beheimaten können. Menschen, die christlich leben wollen, sehen sich vor neue Herausforderungen gestellt. 

2.3.3 Abschied

Eine Kirche, die in weiten pastoralen Räumen mit netzwerkartigen Kooperationsformen denkt, muss sich verabschieden

• von der bisherigen Form der Pfarrei und den damit gegebenen Routinen und Gewohnheiten;

• von der Vorstellung, dass die bisherigen Pfarreien als pastorale Handlungsebene unverändert fortbestünden;

• von der Vorstellung, dass alle Pfarreien in ihrem äußeren Erscheinungsbild gleich sein könnten oder sollten.

2.3.4 Konsequenz


Mit diesem Perspektivwechsel unterbricht das Bistum Trier die Gewohnheiten und Abläufe des bisherigen kirchlichen Lebens vor Ort. Er bedeutet einen schmerzhaften Einschnitt, weil er das vertraute Umfeld des kirchlichen Lebens verändert wie kein anderer. Die reale Situation lässt aber keinen Zweifel daran, dass diese grundlegenden Veränderungen notwendig sind, wenn die Kirche von Trier es nicht beim bloß passiven Reagieren auf die Entwicklungen belassen will. Das Bistum Trier stellt sich und die  Christinnen und Christen vor die Herausforderung, die pastoralen und die Verwaltungs-Prozesse neu zu ordnen.

Damit Nähe erfahrbar bleibt, braucht es den Mut, neue Orte von Kirche zu entwickeln und sich entwickeln zu lassen. Es gilt, Neues mutig auszuprobieren und das zu korrigieren, was nicht gelingt.

Textabschnitt 15


2.4 Perspektivwechsel Das synodale Prinzip bistumsweit leben

Eine synodale Kirche ist eine Kirche des Zuhörens, in dem Bewusstsein, dass das Zuhören „mehr ist als Hören“. Es ist ein wechselseitiges Anhören, bei dem jeder etwas zu lernen hat: jeder im Hinhören auf die anderen und alle im Hinhören auf den Heiligen Geist, den „Geist der Wahrheit“ (Joh 14,17), um zu erkennen, was er „den Kirchen sagt“ (Off b 2,7). (Papst Franziskus)

2.4.1 Bedeutung

Die Synode hat die Kirche von Trier bereits verändert. Laien, Priester, Diakone und Ordensleute, Haupt-amtliche und Ehrenamtliche sehen, hören und beraten gemeinsam in einer neuen Qualität. Diese positiven Erfahrungen soll das synodale Prinzip weitertragen; es soll künftig die Kirche im Bistum Trier auf allen Ebenen prägen.

Der Perspektivwechsel Das synodale Prinzip bistumsweit leben bedeutet: Die als hierarchische Gemeinschaft verfasste Kirche anerkennt und lebt, dass sie auf Dialog, Austausch und Beratung angewiesen ist. Denn im Hören aufeinander wird auch die Stimme des Heiligen Geistes deutlicher erkennbar. So geschieht vom Geist getragene gemeinsame Entscheidungsfindung, Mitverantwortung und Mitbestimmung. Das synodale Prinzip bistumsweit leben bedeutet, dass alle Gläubigen aufeinander hören und sich aufeinander einlassen. Auf diese Weise werden alle zu Akteuren und Mitgestaltern. Dies entspricht dem alten römischen Rechtsgrundsatz, wonach das, was alle angeht, von allen besprochen werden muss.

Textabschnitt 16


2.4.2 Spannung

Das synodale Prinzip bistumsweit leben meint nicht „Basisdemokratie“. Grundlegende Verantwortlich-keiten und Entscheidungskompetenzen werden nicht in Frage gestellt, jedoch werden Entscheidungsprozesse durch synodale Regeln verändert. Die hierfür notwendige Transparenz und Kommunikation stellen alle Beteiligten vor neue Herausforderungen. Maßgeblich wird sein, wie sich die Entscheidungsträger auf den Prozess einlassen und Beratungsergebnisse als verbindlich betrachten. Eine synodale Kirche ruft im Vertrauen auf den Glaubenssinn aller dazu auf, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen.

2.4.3 Abschied

Eine Kirche, die das synodale Prinzip leben will, muss sich verabschieden von der Vorstellung,

  • dass kirchliches Leben in allem zentral gesteuert werden müsste;
  • dass in der Kirche nur hauptamtlich Tätige verantwortlich entscheiden könnten und wollten.

2.4.4 Konsequenz

Damit das synodale Prinzip im Bistum Trier gelebt werden kann, sind verlässliche Strukturen erforderlich, die dynamische Prozesse ermöglichen und sichern. Entscheidungen werden in einem guten Miteinander aller Beteiligten vorbereitet, diskutiert und getroffen. Entscheidungsprozesse und Verfahren müssen transparent ausgestaltet sein und gut kommuniziert werden.